
Angenommen, Sie begegnen Werner Faymann auf der Straße. Oder Wilhelm Molterer. Was würden Sie tun? Wären Sie jemals schon auf die Idee gekommen wegen eines Politikers zu kreischen (liebe Damen, Karl-Heinz Grasser gilt in diesem Fall nicht mehr als Politiker)? Wovon Faymann und Molterer nur träumen, das ist heute Joe Biden, dem demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten, bestens gelungen.
Wir, also Sigrid Brandstätter von den OÖN, Meinrad Rahofer vom Kuratorium für Journalistenausbildung und ich, gehen heute unschuldig durch die Innenstadt von Denver, weil der Parteitag ja erst am Nachmittag beginnt. Auf einmal sehe ich eine Limousine an einer Straßenecke warten und augenscheinlich Secret Service-Leute aussteigen. Das alles noch völlig unbemerkt von der übrigen Öffentlichkeit. Unter Sonnenbrillen versteckt erkenn' ich auf einmal den frischgekürten Vizepräsidentschaftskandidaten der Demokraten wieder. Weil meine zwei Kollegen nicht gewartet haben, ruf' ich ein paar Meter zu ihnen vor: "He, Sigrid und Meinrad, da steigt Joe Biden aus!"
Bis auf "Joe Biden" haben alle anderen Leute auf der Straße zwar nichts vom meinem deutsch-österreichischen Ausruf verstanden, aber das hat gereicht. Binnen Sekunden bildet sich eine Menschenmasse als ob Madonna herself die Straßen von Denver betreten hätte. Und da ist es, das erste Kreischkonzert, das ich jemals für einen Politiker gehört habe. Keine 30 Meter von seinem Auto nimmt Joe Biden einen Würstelstand ins Visier. Bis er sich aber bis zur "Chilli Sausage", die er später bestellt, durchkämpft, braucht er viel Geduld, schüttelt hunderte Hände und nimmt wie das in den USA üblich ist ein Baby hoch.
Innerhalb von wenigen Minuten sind auch die ersten Fernsehteams da. Damit ist die Mission erfüllt, die Fernsehbilder, die Joe Biden wollte, hat er. Von der Chilli Sausage verabschiedet er sich. Seine Frau hält ausgerechnet vor uns Österreichern kurz an und dankt uns ganz herzlich, dass wir gekommen sind. Und dann kommt auch ihr Mann noch nachgelaufen. Und nachdem er nicht sieht, dass wir ihn als Österreicher gar nicht wählen dürfen, mein erstes Highlight hier in Denver, Colorado: Ein Shake-Hand mit dem vielleicht nächsten Vizepräsidenten der USA und definitiv dem ersten bekreischten Politiker, den ich je in meinem Leben gesehen habe.