
Eigentlich halte ich mich jetzt für ein bissl bescheuert! Echt! Beim Start von einem LaufRennen Gänsehaut zu kriegen und Tränen in den Augen zu haben, obwohl noch 42 Kilometer und 195 Meter vor einem liegen, ist ja wohl bescheuert. Das hätt' ich mir gedacht, als ich noch nicht mit meinem Training für den New York Marathon begonnen hab. Aber dieser Start ist anders als bei allen anderen Marathons. Seit fünf Uhr früh war ich mit meinem New York MarathonPartner Ronald auf den Beinen, bis 9.40 Uhr haben wir uns den Weg von unserem Hotel in Manhatten raus nach Staten Island zum Start bahnen müssen UBahn, Schiffsfahrt, Bustransport, viel Wartezeit im Startgelände.
Aber als wir dann mit den 15.000 Läufern aus der ersten von drei Startwellen vor dem Start gestanden sind, sind Gänsehaut und Co. gekommen. Du stehst vor dem größten Marathon der Welt. Du hast ein Jahr darauf hintrainiert bist hunderte Male trotz Schneegestöbers, Eiseskälte, Sauwetter, Regen oder Hitze laufen gegangen, damit du den Trainingsplan einhälst und Trainer Bernie Schimpl nix zu meckern hat. Du hast ganze Tagesabläufe in deinem Alltag nur auf bis zu 3StundenLaufeinheiten angepasst. Und dann stehst du da: Vor der VerrazanoNarrowsBridge. Links neben dir der Blick auf die Skyscraper von Manhatten. Rechts der Blick aufs offene Meer raus. Gerade vor dir Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York City, der wie kein Politiker bei uns mit nur ein paar Worten emotional der Laufmeute einheizt. Die Hymne, a capella gesungen von einer schwarzen Frau mit Donnerstimme. Startschuss aus der Kanone und dann ohrenbetäubend Frank Sinatra's "New York, New York" aus den Lautsprechern. Jep, das war einer der unvergesslichsten Momente in meinem Leben bisher.

Aber wer glaubt, das stundenlange Laufen nach dem Startschuss wäre dann fad, irrt ganz gewaltig. Nicht in New York. Kein einziger Meter, an dem einem am Weg durch Brooklyn, Queens, die Bronx und Manhatten nicht hunderte Menschen zujubeln. Insgesamt eineinhalb Millionen Leute die ganze Strecke entlang. Das gibts sonst nirgendwo auf der Welt. Ständig überholen dich oder überholst du Leute mit den verrücktesten Kostümen ein Mann im Hasenkostüm und voller Gesichtsmaske, keine Ahnung wie der die 42,195 Kilometer geschafft hat. Ein älterer Herr als Winnie PuhBär verkleidet, zieht an mir vorbei. Und ich halte mich an einem Läufer an, der als "Brüno" verkleidet ist, im Lederhöschen den Marathon läuft ständig im Gedanken, wenn der das Tempo mit dem Outfit und der Schminke im Gesicht halten kann, kann ich das wohl auch. Hase und Winnie Puh waren nicht einzuholen aber Brüno hab ich um ein paar Sekunden geschlagen.
Im Nachhinein gesehen waren die 42,195 Kilometer eigentlich recht problemlos. Die erste Hälfte war sowieso wie die schönste Laufeinheit, die ich je in meinem Leben gelaufen bin. Dann hab ich meine Freundin und unsere Family am Straßenrand beim Anfeuern entdeckt der nächste Kick. Und als wir durch die New York Bronx mussten, hat mich der Gedanke an die Kriminalitätsrate dort auch ziemlich angetrieben.
Der berühmte Mann mit dem Hammer ist erst auf der "Fifth Avenue" gekommen, wo ich mir gedacht hab: "Wieso geh ich hier nicht einkaufen sondern muss diesen blöden Marathon laufen." Meine Rettung war ein Zuschauer, der mich extrem angeschrien und mir dann sein Schild vor die Nase gehalten hat: "Pain is temporary, pride is forever", übersetzt soviel wie "Schmerz geht vorüber, Stolz bleibt für immer." Dieser Zuschauer hat mich über die letzten zwei Kilometer ins Ziel im Central Park getragen. Danke, wer immer das auch war!

Wer dann glaubt, im Ziel könnte man seinen persönlichen Sieg genießen, hat sich wie ich getäuscht. Als ich kurz stehen geblieben bin, hat mich sofort ein Sanitäter gefragt, ob sie mich ins Hospital bringen sollen. Meine Gesichtsfarbe dürfte nicht mehr ganz gesund ausgeschaut haben. Aber als ich vor mir einen Mann gesehen hab, bei dem alles was er am Marathontag gegessen und getrunken hat, wieder den Weg aus seinem Mund gemacht hat, hab' ich nur geantwortet: "I'm doing good" und bin über die Medaillenausgabe bis zur Gepäcksabholung gegangen immerhin auch noch einmal heiße zwei Kilometer, nachdem man einen Marathon gelaufen ist.
Und wenn Sie sich jetzt fragen: Und wie schnell ist er jetzt die 42,195 Kilometer durch New York gelaufen? Das hab ich mich auch ewig gefragt, weil ich meine eigene Laufuhr im Hotelzimmer vergessen hab und die offizielle Anzeige natürlich nicht stimmen konnte, weil ich ja nicht am Anfang der Startwelle sondern mitten im Feld losgelaufen bin. Gesagt hats mir erst meine Freundin, die noch im Zuschauergetümmel beim Marathon war und die ich dort vom Hotelzimmer aus angerufen hab. Sie hatte mein Handy und darauf hatte ich das erste GratulationsSMS von einem ehemaligen Arbeitskollegen. Technikfreak Mike Kraml hat meinen ganzen Lauf im Internet daheim in Österreich verfolgt und schrieb vor allen anderen: "Gratuliere, Flo. 3 Stunden 19 Minuten ist ja eine Bombenzeit". Und die New York Times vom nächsten Tag bestätigt: Platz 3070 von 45.000 Läufern. Das war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings deutlich weniger wichtig als die Tatsache, dass Amerika zum Glück das Land der Lifte und Rolltreppen ist. Denn Stiegensteigen hat sich am Tag nach dem Marathon als die größte Schwierigkeit herausgestellt.